Service +49 7181 2076050 Mo–Sa 10–19 Uhr

Nutztiere der Mongolei (Teil 5/7) – Das Schaf: Wolle und Filz für jeden Lebensbereich

Blogeintrag vom

Das mongolische Hausschaf

Laut den aktuellen statistischen Daten (Bezug: Jahr 2020) grasen um die 30 Millionen Schafe auf den Weiden der Mongolei. Die vorherrschende Rasse ist dabei das Mongolenschaf, in der wissenschaftlichen Literatur als Ovis orientalis f. aries bezeichnet. Es lebt nur in der Mongolei und zählt zu den domestizierten Formen der Hausschafe.

Während der Trockenzeit ist das Nahrungsangebot in der Steppe stark begrenzt. Aus diesem Grund hat sich eine Besonderheit ausgebildet: Das Mongolenschaf speichert in seinem Schwanz Fett als Energiereserve und zählt dadurch zu den sogenannten Fettschwanzschafen. Wenn auf der zentralasiatischen Hochebene in den kargen Monaten kaum Gras zu finden ist, nähren sich die Schafe von den in ihren Fettschwänzen gespeicherten Depots. Zum Herbst hin können die mongolischen Viehhirten anhand der Größe des Fettschwanzes schon gute Prognosen abgeben, wie die Herde den kommenden Winter überstehen wird.

Die Schafe werden zu Beginn des Sommers, circa im Mai/Juni geschoren. In der zentralasiatischen Hochebene ist es im Sommer zwar trocken, aber sehr heiß: Es werden Temperaturen von bis zu 35°/40°Celsius erreicht. Doch nicht nur der Schutz vor einem Hitzeschlag macht es notwendig, die Schafe zu scheren. Werden die Schafe nicht vom dichten und schweren Winterfell befreit, kann deren Gesundheit durch Ungeziefer und Schmutz in den Haaren beeinträchtigt werden und ihre – auf den höheren Sommerweiden benötigte – Bewegungsfreiheit wäre eingeschränkt.

Weil die mongolischen Schafe überwiegend weiße Farbe haben und nur an den Ohren schwarz sind, gibt es meistens auch weiße Wolle. Gibt es hier und da Melange-Farben, kamen zur weiß-beigen Wolle (unbeabsichtigt) auch einige dunkle Haare dazu.

Die Haare des mongolischen Schafs sind von der Struktur etwas grob und eignen sich daher bestens zur Filzverarbeitung.

Filz und seine traditionelle Herstellung

Filz spielt im Leben der Nomaden eine große Rolle: beispielsweise ist die Jurte – das Heim der Mongolen – ohne Filz mit seinen gut isolierenden und schalldämmenden Eigenschaften unvorstellbar. Filz ist auch als Teppich, als Matratze, als Bekleidung, als Schuhe usw. fester Bestandteil eines nomadischen Haushalts. Die wesentlichen Eigenschaften von Filz sind folgende: Er ist robust, klimaregulierend, feuchtigkeitsabweisend und hitzebeständig (brennt schlecht).

Filzherstellung hat in der Mongolei eine Jahrtausende lange Tradition. Da sie ziemlich aufwendig ist, kommen bei der Filzherstellung meistens einige Familien aus der Umgebung zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Hat eine Familie ihre Wolle fertig vorbereitet, lässt sie ihre Nachbarn wissen, wann und wo die Herstellung stattfinden soll. Diese ähnelt zumeist einem kleineren Fest: Vor allen abends, nach getaner Arbeit, belohnt man die Helfer mit Speisen und Getränken und sitzt gemütlich bis in die Nacht zusammen. Das ist gut möglich, da die Filzherstellung überwiegend im August, also im warmen Sommer stattfindet.

Im ersten Herstellungsschritt legt man die gesammelte Wolle auf einer Plane aus und fängt mit dem „Schlagen“ an: die Beteiligten sitzen um die Plane herum und schlagen mit dünnen, um die 1 – 1,5 Meter langen Stöcken auf die Wolle. So wird der Schmutz entfernt, der aus der Wolle quasi „rausgeschlagen“ wird, und der erste Verfilzungsschritt gegangen, indem die groben und feinen Haare gut vermengt werden.

Die so gereinigte und vorbereitete Wolle wird auf einer Unterlage aus Filz vom Vorjahr ebenmäßig verteilt. Weil die Nomaden bei fast allen mit Tieren verbundenen Routinen sehr traditionsbewusst sind, legt hier der Tradition folgend die älteste Frau aus der Gruppe den ersten Bündel Wolle auf den Filz. Dann können die Arbeiten beginnen. Für eine 4 – 5 Meter lange und 2 Meter breite Filzbahn – ein übliches Maß – benötigt man in Summe um 20 – 25 Kilogramm Wolle.

Die so gleichmäßig dünn ausgelegte Wolle wird mit Wasser angefeuchtet. Usus ist nur „fließendes“ Wasser für die Filzherstellung zu benutzen, d.h. Wasser aus Flüssen und nicht aus Seen. Sieht ein Kenner irgendwo einen etwas gelblichen Filz, weiß er sofort, dass zu seiner Herstellung das Wasser eines Sees genutzt wurde. Je nach Dicke des gewünschten Filzes wird der Prozess mit dem Auslegen der Wolle und dem Anfeuchten mehrmals wiederholt.

Nun ist klar: Flache Gegenden in der Nähe von Flüssen eignen sich besonders für die Filzherstellung.

Im nächsten Schritt rollen die Männer den Filz auf einen Balken fest ein. Dabei werden etwas härtere Grashalme deckend flach ausgelegt und mit eingerollt, um ein „Verkleben“ der Wollbahn zu vermeiden. Die fertige Rolle wird außen mit angefeuchtetem Leder umwickelt und die Enden der Rolle werden zusammengebunden.

Jetzt kommt starke Zugtiere – meistens Pferde, in den Wüstenregionen auch Kamele – zum Einsatz: das eingerollte Filz wird an Seilen über eine Strecke von 15 – 20 km hinter sich hergeschleppt. Dabei steigert der Reiter sein Tempo langsam. Während ein Reiter mit der einer Rolle unterwegs ist, bereiten die anderen schon die nächsten Rollen vor.

Kehrt der Reiter zurück, ist die Filzbahn im Inneren der Rolle komplett verfilzt. Die Rolle wird einige Stunden liegen gelassen und zumeist erst am nächsten Tag entpackt. Dann wird die Filzbahn für einige Tage zum Trocken ausgelegt. Danach ist sie zu zur Weiterverarbeitung geeignet, wird aber erst einmal zu Lagerungs- und Transportzwecken erneut aufgerollt.

Die traditionelle Filzherstellung hält sich bei den Nomaden der Mongolei nach wie vor, ist sehr stark verankert. Die moderne Herstellung in Fabriken spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Das Orkhon-Schaf - Wolle für Bekleidung

Es gibt eine Unterrasse mongolischer Schafe, das Orkhon-Schaf, mit längeren und feineren Haaren. Seine Wolle wird zur Herstellung von Bekleidung benutzt. Die Population der Orkhon-Schafe beschränkt sich auf einige Tausend Tiere. Entsprechend rar ist mongolische Schafswolle in Bekleidungsqualität.

Weitergehende Infos zu Schafwolle und zu Produkten aus Schafwolle finden sich hier:
LaNOOS Materialien - Schafwolle
LaNOOS Produkte - Schafwolle


Oyun Ishdorj
September 2021

... weiter mit Teil 6 von 7 ...

  Zum Blog